Alien - Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt

Originaltitel: Alien
GB, 1979, 115min
(Director's Cut: USA/GB, 2003, 117min
)

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NOTE: 1
Hinweis zu dieser Rezension: Sie widmet sich zunächst einmal dem Film "als solchen". In einem seperaten Abschnitt am Ende wird dann auf den neuangefertigten Director's Cut eingegangen.

Der Film - Ein Phänomen
Das Geschäft mit dem Grauen im Kino ist diffiziler Natur. Es gibt eine ganze Menge Filme, die spannend sind. Manche sind auch ekelhaft und schwer zu ertragen. Doch wirkliche Angst, dieses unheimliche Gefühl der Bedrohung, überträgt sich nur selten von der Leinwand auf den Zuschauer. Diese hohe Kunst beherrschen nur wenige Regisseure, was vielleicht daran liegt, dass "Angst" etwas ist, das sich nicht einfach zeigen lässt. Sie entsteht erst im Kopf des Zuschauers - darum muss der Film dem Zuschauer auch Platz zur Entwicklung eigener Phantasie bieten.

Einer der zweifelsohne unheimlichsten Streifen der Filmgeschichte ist "Alien". Die Geschichte von dem außerirdischen Mordmonster, das Menschen als Brutkästen missbraucht, war bei seiner Veröffentlichung 1979 eine Sensation - und ein "Medienskandal" zugleich. Empörte Berichte über Zuschauer, die im Film in Ohnmacht fielen oder den Saal aufgrund von Übelkeit verlassen mussten schadeten dem Streifen nicht, im Gegenteil. Über Nacht machte das britische Projekt, das die nach heutigen Maßstäben völlig lächerliche Summe von sieben Millionen Pfund gekostet hatte, seinen Regisseur und seine Hauptdarstellerin weltberühmt. Bislang hat "Alien" drei Fortsetzungen und eine unüberschaubare Flut an Büchern und Comics nach sich gezogen.

Die Grundkonstruktion der Geschichte ist ebenso simpel, wie effektiv. Der Bordcomputer des gigantischen Raumschiffes "Nostromo" weckt unplanmäßig die im Tiefschlaf befindliche Crew. Es wurde ein unbekannter Funkspruch aufgefangen, dem die Besatzung nachgehen soll. Er kommt von einem unwirtlichen Planetoiden, auf dem die Crew eine äußerst merkwürdige und unheimliche Entdeckung macht. Das Signal stammt von einem Raumschiff, das eher gewachsen als konstruiert wirkt. An Bord findet die Crew die versteinerten Überreste eine titanischen Raumfahrers - und einen Raum mit seltsamen Eiern. Als Kane (John Hurt) eines der Eier genauer untersucht, springt aus ihm ein außerirdisches Wesen hervor, das seinen Helm durchbricht und sich im Gesicht von Kane festsaugt.

Der sogenannte "Facehugger" ist aber erst der Auftakt für eine Katastrophe, in deren Verlauf der größte Teil der Mannschaft des Raumschiffes dezimiert werden soll. Das Wesen erweist sich als äußerst resistent und lässt sich nicht operativ von Kane entfernen. Kurze Zeit später lässt es jedoch freiwillig von seinem Wirt ab. Warum, wird schnell klar: Kane ist nur oberflächlich genesen, der "Facehugger" hat in seinem Körper ein Ei gelegt, und nur wenig später "schlüpft" ein außerirdisches Lebewesen aus dem Körper von Kane. Für die Crew beginnt ein Kampf auf Leben und Tod, der noch dadurch erschwert wird, dass nicht die ganze Mannschaft auf einer Seite kämpft…

"Alien" ist in vielerlei Hinsicht ein ungewöhnlicher Film. Zunächst einmal ist die Mixtur aus Elementen des Science-Fiction- und Horrorfilms bis dato weitgehend unbekannt gewesen und sollte stilprägend für die nächsten Jahrzehnte werden. Leider Gottes beschränkt sich das Feld der Nachahmer auf größtenteils qualitativ sehr schlechte Kopien. Das mag daran liegen, dass "Alien" eigentlich in vielerlei Hinsicht nicht den Konventionen des Horrorgenres entspricht. Ridley Scott lässt sich für die Exposition der Handlung und der Charaktere viel Zeit. Es herrscht zunächst ein sehr ruhiges Erzähltempo, das nur langsam, aber unerbittlich an Tempo zunimmt. Vieles, wie beispielsweise die oftmals sehr langen Einstellungen und der sparsame, allerdings höchst effektive Einsatz von Musik, trägt zu diesem Gesamteindruck bei. Vom Erzählmuster her ungewöhnlich ist auch, dass es bis weit über die Hälfte der Spieldauer des Filmes keinen klar auszumachenden Hauptdarsteller innerhalb des weitestgehend gleichberechtigt agierenden Ensembles gibt. Dadurch, dass sich "Alien" weigert, dem Zuschauer von Anfang an eine Identifikationsfigur an die Hand zu geben, steigert sich das Moment der Bedrohung und der Unsicherheit enorm. Ripley (Sigourney Weaver) "erwacht" erst im letzten Viertel des Filmes zur Heldin der Geschichte.

Bleibt die Frage, was es ist, das "Alien" zu einem derart verstörenden, unheimlichen Erlebnis macht, das auch nach 25 Jahren nur wenig von seiner Eindringlichkeit verloren hat. Sicher ist es zum Einen die Tatsache, dass Ridley Scott in diesem Film eindrucksvoll unter Beweis stellt, dass er die Kunst des Andeutens versteht. "Alien" ist einer der raren Filme, die im Kopf immer unheimlicher werden. Eigentlich ist das namengebende Monster nur sehr selten und meistens unvollständig zu sehen. Diese fetzenhaften Bilder sorgen dafür, dass sich die auf der Leinwand gespielte Hysterie auf den Zuschauer übertragen kann: Der Zuschauer ergänzt in seiner Phantasie die Puzzlestückchen, die ihm der Film zuwirft. Selbst die zugegebenermaßen recht spektakuläre Szene, in der das Alien aus dem Brustkorb von Kane hervorbricht ist bei genauer Betrachtung sehr knapp und geradezu spröde inszeniert. Keine anschwellende Musik, keine dramatische Beleuchtung und das Alien ist wieder nur für wenige Bruchteile zu sehen. Doch gerade die Tatsache, dass hier die Katastrophe völlig unvermittelt eintritt und dokumentatorisch-nüchtern festgehalten wird, macht diese Szene so unheimlich.

Doch das Unbehagen, welches der Zuschauer verspürt, lässt sich nicht einfach durch filmtechnisch kluge Inszenierungsweise erklären. Es liegt wohl darin begründet, dass im Subtext des Filmes eine stetige Verknüpfung aus Gewalt und Sexualmetaphorik stattfindet. "Alien" ist voll gestopft mit sexuellen Andeutungen, sowohl auf der visuellen, als auch der Handlungsebene. Allein das "Schlüpfen" des Aliens, das die brutale Perversion eines normalen Geburtsvorgangs darstellt, frisst sich tief in das Bewusstsein des Zuschauers. Es ist nicht von Ungefähr, dass sich das Alien einen Mann "ausgesucht" hat. Die Szene dokumentiert eindrucksvoll einen Aspekt, um den sich Sigmund Freud ganz offensichtlich stets herumgedrückt hat: Den "Gebärmutterneid" des Mannes. Kane ist als Mann nicht fähig, Leben zur Welt zu bringen, er gebiert nur Tod und Vernichtung - die biblische Referenz in seiner Namensgebung (Kain) ist also nur allzu passend.

Diese verstörende Verknüpfung von sexueller Metaphorik und Gewalt findet ihre Entsprechung in der visuellen Umsetzung. Sicher wäre "Alien" hier konzeptionell nicht derart radikal geraten, wenn nicht der schweizerische Künstler H.R. Giger federführend beim visuellen Design gewesen wäre. Giger, der in seinen surrealistischen Bildern auf bizarre Weise das Erotische mit dem Abstoßenden vermischt, erwies sich als wahrer Glücksgriff. Sein düsteres Design setzt in der Bildersprache den sexuell aufgeladenen Subtext fort. Phallussymbole wie beispielsweise der seltsame "Stuhl" mit dem der skelettierte außerirdische Raumfahrer verwachsen ist oder natürlich die ziemlich eindeutige Kopfform des Monsters (die bezeichnenderweise in James Camerons Fortsetzung "Aliens" deutlich abgeschwächt wurde) wechseln sich mit Referenzen an weibliche Geschlechtsorgane (die Eingänge des Raumschiffes, die Alieneier) ab. Stets stehen sie in mittelbaren oder unmittelbaren Zusammenhang zu Verfall und (gewaltsamen) Tod.

Hier bedient sich der Film sehr geschickt dem gerade in der westlichen Gesellschaft immer noch sehr zwiespältigen Verhältnis zur Sexualität. Denn alle Aufklärung und vermeintliche "Sittenlockerung" hat nichts daran geändert, dass im kollektiven Bewusstsein der Gedanke tief verankert ist, dass "die schönste Sache der Welt" schmutzig und mit dem Makel des unkontrollierten fleischlichen Triebes behaftet ist. "Alien" nährt durch seine Verbindung von Sexualmetaphern mit Tod und Vernichtung diese Ängste. Der Film ist aber klug genug, mit derartigen Ängsten nur im Subtext zu spielen, ohne auf der Handlungsebene den oftmals moralinsauren Regeln des Horrorfilms zu folgen. Im Gegensatz zu anderen Actionheldinnen erkauft nämlich Lt. Ellen Ripley ihren Status nicht über Verleugnung ihrer Weiblichkeit. Hier etablieren die Drehbuchautoren und Regisseur Scott erstmals einen eigenständigen Gegenentwurf einer "starken Frau", die nicht einfach nur die Kopie eines Mannes darstellt. Interessanterweise ist diese Figur in jeder drei Fortsetzungen stets auf eine leicht abgewandelte, neue Weise interpretiert worden (James Cameron betont beispielsweise den mütterlichen Aspekt von Ripley).

Es ist diese Konstuktionsweise, die mit Ängsten spielt, die dem Zuschauer nur halbbewusst sind, die "Alien" weitestgehend "zeitlos" erscheinen lässt und wohl auch noch in Jahrzehntenten das Publikum erschrecken und verstören wird. Die verblüffend modern wirkende Kameraführung und das trotz geringen Budgets äußerst edel ausgeführte Setdesign verstärkt den Eindruck, dass dieser Film weit weniger "Staub" ansetzt, als so manch anderer Streifen der letzten 25 Jahre.

Der Director's Cut
Dennoch hat sich Regisseur Ridley Scott nach einem Vierteljahrhundert erneut hinter den Schneidetisch gesetzt, um eine neue Fassung des Filmes zu erstellen. Der ursprüngliche Anlass war dabei die Vorbereitung einer gigantischen DVD-Box, die Ende 2003 erscheint (Umfang 9(!) DVDs mit allen drei Filmen in verschiedenen Versionen) und für die das Original von 1979 aufpoliert werden sollte. Es blieb jedoch nicht dabei, einfach nur den Ton neu abzumischen und das Filmmaterial zur restaurieren. Ridley Scott nahm einige Änderungen im Schnitt vor und fügte neue Szenen ein. Ungewöhnlich an dem Director's Cut ist, dass auch Filmmaterial entfernt wurde. Gerade der Einstieg in manche Szenen, in denen sich die Kamera oft viel Zeit lässt, wurden von Scott "zurechtgestutzt", weil er sie als zu langatmig empfand. Das Ergebnis ist nicht immer überzeugend, manche Übergänge wirken nun etwas holprig. Auch über den Wert der eingefügten Szenen lässt sich streiten. Für Fans ist es möglicherweise ganz interessant, einige neue Schnipsel in "ihrem" Film zu sehen, doch letzten Endes bringen die neuen Szenen wenig für die Handlung des Filmes. Sie vermögen es aber auch nicht, dem Film zu schaden, dennoch erscheint es fragwürdig, ob man an einem derartigen Klassiker herumschnippeln sollte, wenn man ohnehin nichts substantiell Neues beizutragen hat. So hinterlässt der "Director's Cut" den etwas schalen Nachgeschmack der lancierten Promotionsmaßnahme für die DVD-Veröffentlichung.

Daniel Möltner
 
 
 
 
 
 
 

Darsteller:
Sigourney Weave - Lt. Ellen Ripley
Tom Skerrit - Dallas
Yaphet Kotto - Parker
John Hurt - Kane
Ian Holm - Ash
Harry Dean Stanton - Brett
Veronica Cartwright - Lambert


Regie:
Ridley Scott

Drehbuch:
Dan O'Bannon, Ronald Shusett

Kamera:
Derek Vanlint

Musik:
Jerry Goldsmith