Muxmäuschenstill
Originaltitel: Muxmäuschenstill
Deutschland, 2004, 89 min, FSK: 16
 
empfehlenswert

Berlin, 2003, irgendwo auf einer Landstraße. Ein Mann steht mit seinem Auto am Straßenrand und wartet. Dabei filmt er sich und führt einen Monolog über unsere deutsche Gesellschaft und deren verloren gegangenen Werte und Ideale. Seine Name: Mux, oder besser gesagt: Herr Mux (Jan Henrik Stahlberg). Er sitzt dort im Wald und wartet auf Menschen die in der 80er Zone zu schnell fahren. Und das ist seine selbst auferlegte Mission: Den gesellschaftlichen Werten und Idealen wieder einen Sinn zu geben; so viele Raser, Diebe, Exhibitionisten und andere Strafentäter zurück auf den Pfad der gerechten aber vergessenen Tugenden zu führen wie möglich. Und so zieht er jeden Tag los, um mit seinen eigenen Methoden für Recht für Ordnung zu sorgen. Stets begleitet von dem Ex-Langzeitarbeitslosen und Neu-Kameramann Gerd (Fritz Roth).

Ein experimenteller deutscher Film, gedreht mit Handkameras und auf Filmfesten ausgezeichnet (Deutscher Filmpreis 2004, Max Ophüls Preis 2004) - das macht natürlich aufmerksam und neugierig. Dann sieht man diesen Mux zum ersten Mal: macht eigentlich einen stinknormalen Eindruck - kurze Haare, gepflegtes Äußeres, ein adretter Typ im Anzug. Aber wie er da so erzählt merkt man schon, so normal dieser Typ auch aussieht, er ist es nicht. Als er dann zum ersten mal seine Pistole zieht, versteckt in einem Halfter unter seinem schicken Jacket, ist man sich sicher. Nein, Herr Mux ist definitiv nicht normal. Herr Mux ist Ritter, ein moderner. Er arbeitet an seinem "Manifest" - ein auf Video dokumentiertes Werk, in dem er beweisen will, dass er in der Lage ist den Menschen einen Weg zu weisen, den richtigen natürlich, zurück zu einem gewissen Verantwortungsbewusstsein des Einzelnen gegenüber der Gesellschaft und vor allem gegenüber sich selbst. Er ist das versteckte und verdrängte schlechte Gewissen der Leute die sich Kinderpornos anschauen, derer die sich im Park selbst befriedigen und derer die bewusst anderen Menschen schaden zufügen. Mux hält ihnen die schonungslose Wahrheit vor Augen, er lässt sie direkt in ihre eigenen Fehler blicken, er stellt sie bloß, vor sich selbst und vor der Kamera.

Die meiste Zeit ist er die Ruhe selbst, aber wenn etwas nicht so läuft wie geplant rastet er aus, nur für Sekunden, danach ist eigentlich garnichts gewesen. Bei "Wiederholungstätern", die ihm unter anderem auch "die Statistik versauen", versteht Mux dann endgültig keinen Spaß mehr und seine Erziehungsmaßnahmen gehen oft sehr weit - bis hin zu Körperverletzung. Innerlich erträgt er es nicht dass diese Menschen es scheinbar einfach nicht verstehen wollen - und da greift er zu brutaleren Mitteln. Graffiti-Sprayer werden verprügelt und mit ihren eigenen Farben in Gesicht und Augen angesprüht; Mit vorgehaltener Waffe droht er Hundebesitzern die immer wieder den Kot ihrer Tiere auf der Straße liegen lassen, so dass Leute wie Mux dann immer wieder reintreten. Doch kaum ist sein emotionaler Ausbruch unter dem Vorwand seiner "Erziehungsmaßnahmen" vorrüber, lehnt er sich wieder zurück und sinniert im einseitigen Dialog mit der Kamera und seinem treuen Helfer Gerd.

Dann ist da dieser Gerd: er führt Befehle aus, er hält die Kamera, ordnet das abgedrehte Videomaterial und er hilft Mux, wenn dieser mal wieder von doch nicht bekehrten Mitbürgern angegriffen und verprügelt wird. Genau so einen suchte Mux, der selbst ernannte Einzelgänger. Gerd passte das "Profil" welches er suchte, Gerd zweifelt nicht und stellt Mux' Taten nicht in Frage, weil er nicht kann oder weil er nicht will, auf jeden Fall tut er es nicht. Mux ist so sehr von sich selbst und seinem Tun überzeugt dass er sich in einen unterdrückten Wahn hineinsteigert - Selbst in den wenigen Momenten in denen Regisseur Marcus Mittermeier den "privaten" Herr Mux zeigt beschäftigt er sich nur mit seiner Lebensaufgabe, seinem einzigen Lebensinhalt, einer Besessenheit der er alles opfert.

In der Kellnerin Kira (Wanda Perdelwitz) findet Mux seine "Muse", die ja alle großen Dichter und Denker haben - er hat sie auserkoren, sie auf ein Podest gesetzt und sie nicht mehr runtergelassen. Allerdings hat er nie gefragt ob sie das überhaupt will. Mux sieht sie so, weil er sie so sehen will. Und so ist es mit Mux' gesamten Umfeld, die Leute um ihn herum sind für ihn so, wie er sie gerne hätte. Mux predigte wie ein Priester von den verlorenen Werten und Idealen, dass es in den Köpfen der Menschen keine Utopien mehr von einem perfekten Leben gibt. Nun, dies ist seine Utopie. Die Welt wie er sie gerne hätte, die Menschen so, wie er sie sich vorstellt. Er hält sich selbst und das was er errichtet hat für unfehlbar und steigert sich so immer weiter in seine idealisierten Werte und am Ende völlig übersteigerten Vorstellungen. Mux muss schmerzlich feststellen, dass diese Welt nicht real existent ist. Dies geschieht nicht von jetzt auf gleich, sondern kündigt sich langsam an - in Vorboten wie zb Unfällen bei seinen selbstgerechten Handlungen oder dem Tod einer alten Nachbarin, dadurch trifft es Mux am Ende dann aber nur umso härter.

Mit "Muxmäuschenstill" gelang Autor Jan Henrik Stahlberg und Regisseur Marcus Mittermeier ein kleines Meisterwerk, welches so authentisch und echt wirkt dass man sich im Laufe des Films manchmal fragt ob das alles auch wirklich "nur" ein Film ist. Dieser Eindruck wird nicht nur durch die unbekannten Schauspieler und zahlreichen Handkameraeinstellungen unterstützt, sondern auch durch "Live"-Aufnahmen im Oderhochwasser 2003 und auf der Loveparade in Berlin. "Muxmäuschenstill" ist mehr als die schräge Komödie mit satirischen Elementen - obwohl die natürlich vorhanden sind - Schonungslos, ehrlich und direkt regt der Film zum Nachdenken an - über Mux und seine Ziele, aber auch über seine Methoden und deren Notwendigkeit. Man fühlt mit diesem verwirrten Idealisten, wird ihn aber doch irgendwie durchschauen und verstehen und fühlt schlussendlich mit ihm und seinem Dilemma, auch nur ein Mensch zu sein.

Christian Simon

 
 
 
 

Darsteller:
Jan Henrik Stahlberg - Mux
Fritz Roth - Gerd
Wanda Perdelwitz - Kira
Joachim Kretzer - Björn
Ruwen Schneider - Edgar

Regie:
Marcus Mittermeier

Drehbuch:
Jan Henrik Stahlberg

Kamera:
David Hofmann

Musik:
Phirefones