Prinzessin Mononoke
Originaltitel: Mononoke Hime 
Japan, 1997, 133min, FSK 12
 Offizielle englische Homepage
NOTE: 1
In kaum einem anderen hochentwickelten Industrieland gibt es eine solche Kluft zwischen uralten Traditionen und modernster Technik wie in Japan. Diese für den westlichen Beobachter seit jeher größtenteils unverständliche Zerrissenheit war auch schon immer ein Thema, welches sich im modernen japanischen Kino (zumindest dort, wo es dem westlichen Beobachter zugänglich war) wiederspiegelte. Dass dieses Thema nun auch zu uns in Form des in Japan so beliebten Anime-Formats kommt, überrascht insofern, als dass hiesige Zuschauer Zeichentrickfilm mit Kinderfilm gerne einmal gleichsetzen. Zwar lies sich Verleiher BuenaVista vier Jahre Zeit, doch nun kommen auch die Deutschen in des Genuss dieses überaus bemerkenswerten Animationsstreifens. 

Der Film spielt zur Zeit der Muromanchi-Schogune, also irgendwann zwischen dem 14. und 16.Jahrhundert. Hauptfigur ist der junge Krieger Ashitaka, einer der letzten seines Stammes. Er tötet den riesigen Eber Tatari Gami, der sein Dorf angreift, da aus dem ehemaligen Waldgott ein bösartiger Dämon geworden war. Im Kampf wird Ashitaka am Arm verletzt und der Fluch überträgt sich auf ihn. Also macht er sich auf die Suche nach dem Grund für die Veränderung Tatari Gamis zum bösen Dämon und reist in die fernen Wälder im Westen. Dort herrscht Krieg zwischen den Samurai und den Siedlern. Ausserdem wird Ashitaka Zeuge, wie ein Treck der Siedler von Wölfen angegriffen wird, die nur mühsam mit Hilfe primitver Gewehre in die Flucht geschlagen werden können. Ashitaka rettet zwei Siedler, die in einen reissenden Strom gefallen waren. Am anderen Ufer erblickt er ein junges Mädchen, welches einer verletzten riesigen Wölfin das Blut aus der Wunde saugt. Ashitaka gibt sich zu erkennen, doch die Wölfin und das Mädchen verschwinden.

Mit den beiden Verletzten schlägt sich Ashitaka durch zu deren Siedlung durch. Kleine Waldgeister weisen ihm den Weg. Schließlich gelangen die Drei nach Tatara Ba, einer stark befestigten Eisenhütte am Fuße des Heiligen Berges. Die Herrin der Eisenhütte, Eboshi, dankt Ashitaka persönlich für seinen Einsatz. Ashitaka erfährt, dass es Eboshis Kugel war, die im Leib des Wildschweingottes steckte: In blinder Wut über den Raubbau der Menschen an der Natur hatte er die Eisenhütte angegriffen. Ihre größte Feindin, erzählt sie, sei das Menschenmädchen San, welches von der Wolfsgöttin Moro aufgezogen wurde und zur wilden Prinzessin Mononoke herangewachsen sei. Mitten in der Nacht greift San dann ganz alleine das Fort an, um Eboshi zu töten. Sie schlägt sich bis zu der Herrin durch und ein tödlicher Zweikampf entbrennt. Doch da interveniert Ashitaka und bringt, selbst von einer Kugel getroffen, San aus dem Fort.

Obwohl der Hass auf die Menschen in ihr brennt, ist San fasziniert von Ashitaka. Sie bringt ihn an einen heiligen See im Herzen des Waldes. Dort erscheint im Morgengrauen der Waldgott, der bei Einbruch der Dunkelheit die Gestalt verändert und als Nachtwandler durch seine Wälder streift. Unbemerkt sind ihm einige Jäger gefolgt, angeführt von Jiko, der danach trachtet, den Kopf des Waldgotts abzuschlagen, um dadurch ewiges Leben zu gewinnen. Doch mit dem Waldgott ist auch eine riesige Armee von Wildschweinen gekommen, die von dem alten, blinden Eber Otsukotonushi befehligt wird. Der Waldgott heilt Ashitakas Schusswunde. Zu schwach, um aufzustehen, wird Ashitaka mit dem Wildschweinältesten konfrontiert. Er erzählt von seinem Fluch, und Otsukotonushi ist bekümmert über das traurige Ende des mächtigen Ebers Tatari Gami. Er läßt Ashitaka am Leben, doch rät er ihm, den Wald zu verlassen. Denn er ist mit seinen Kriegern gekommen, um sein Revier bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen, bevor die Tiere endgültig ihre Größe verlieren und zur bloßen Jagdbeute der Menschen werden...

Die "New York Post" nannte den Film "the Star Wars' of animated features!". Und in der Tat ist dieser Film ein wahres Meisterwerk, welcher komplexe Inhalte mit einer märchenhaften Geschichte zu verbinden weiss. Die Symbolik wirkt dabei jedoch nie übertrieben sondern immer sehr ausgewogen. Regisseur und Drehbuchautor Miyazaki, der bei uns übrigens in den 70ern mit der Zeichentrickserie "Heidi" bekannt wurde, verzichtete auf allzu plakative Schwarz-Weiss-Malerei. So steckt in allem Bösen auch immer etwas Gutes und umgekehrt. Dies wird besonders deutlich an der Figur der Eboshi. Sie ist auf der einen Seite eine harte Geschäftsfrau, die sogar die Weltherrschaft anstrebt und mit umbarmherzigen Mitteln gegen die Natur vorgeht, doch auf der anderen Seite hat sie sich einer großen Anzahl von Prostituierten und Aussätzigen angenommen, die nun in der Eisenhütte zumindest ein halbwegs glückliches Leben führen können. Genauso ist Prinzessin Mononoke auf der einen Seite eine Verfechterin der Erhaltung des Waldes und der Natur, aber ihr Hass auf die Herrin Eboshi ist so gross, dass sie sie töten will. 

Quasi als Antwort auf diese Zerissenheit, die wie bereits angedeutet letztlich die Zerissenheit der japanischen Gesellschaft selbst symbolisiert, tritt Ashitaka auf den Plan. Er selbst wurde mit einem Fluch belegt, doch er begeht nicht den Fehler, den Verursacher dafür zu hassen. Er akzeptiert den Schmerz als sein Schicksal und macht sich auf die Suche nach den Ursachen für den Fluch. Er findet Linderung, in dem er den Hass um ihn herum möglichst klein hält. Dies ist auch letztlich das Plädoyer des Films: beide Seiten müssen unvoreingenommen aufeinander zugehen und ein gesundes Mittelmass im gegenseitigen Verhalten finden. Dies spiegelt sich im neben der Umweltproblematik zweiten großen Thema des Films wieder: hier geht es um den Kampf der Geschlechter. Die Frauen bei Miyazaki sind eher die gewitzten und kämpferischen Figuren während die Männer eher dämlich und faul daherkommen. Doch ganz ohne Männer kommen die Frauen nun auch wieder nicht zurecht. Denn letztlich, bei allem Kampf und Gegeneinander, entscheiden sich die wirklich wichtigen Fragen, nämlich die nach Leben und Tod sowieso nach anderen Kriterien. Der Waldgott, der über alles herrscht aber dennoch verletztlich ist (für den christlich geprägten Zuschauer natürlich schwer nachvollziehbar) entscheidet nach seinem freien Willen, was lebt und was stirbt. Doch keiner soll sich beschweren wenn der Waldgott ihn nun zum sterben verdammt, denn den Sinn hinter all dem kennen die einfachen Kreaturen ohnehin nicht. 

So verpackt Miyazaki zwei im Grunde genommen sehr heikle Themen in ein mystisches Zeichentrick-Epos, welches nicht nur großartig gezeichnet ist sondern sich auch durch seine, zumindest für Disney-geschädigte Zeichentrickfans interessante Bildkomposition auszeichnet. Neben den putzigen Waldgeistern fliegen auch schon einmal abgehackte Körperteile durch die Luft. Dieser Film, der in Japan sogar an "Titanic" vorbei auf Platz 1 der All-Time-Charts zog, ist sicherlich nichts für Kinder, weniger wegen der expliziten Gewaltdarstellung sondern aufgrund seiner komplexen Handlung, die schon - zumindest für den mit der japanischen Kultur nicht intensiv vertrauten - schwierig genug bis ins Detail zu verstehen ist. Allerdings macht der Film auch als einfaches Märchen Spass und es bleibt zu hoffen, dass noch mehr Kinoproduzenten den Mut für solche Projekte aufbringen und  der Zeichentrick auch hierzulande mit der nötigen Ernsthaftigkeit und Seriösität bewertet wird, wie dies in Japan schon lange der Fall ist.

Thomas Vits

Sprecher:
Ashitaka - Alexander Brem
 San - Stefanie Beba
 Eboshi - Marietta Meade
 Jiko - Mogens von Gadow
 Moro - Mady Rahl
 Gonza - Holger Schwiers
 Toki - Claudia Lössl
 Kouroku - Claus Brockmeyer
 Ok-Koto - Jochen Striebeck
 Kaya - Shandra Schadt
 Nago- Dirk Galuba

Regie:
Hayao Miyazaki

Drehbuch:
Hayao Miyazaki

Musik:
Joe Hisaishi