Das Schweigen der Lämmer
Originaltitel: The Silence of the Lambs
USA, 1990, 113 min
 
NOTE: 2

Wie nähert man sich einem Filmklassiker? Eine Frage, die sich Rezensenten in der Tagespresse nur sehr selten stellt. In unserem Falle also: Wie nähert man sich dem "Schweigen der Lämmer"? Wo sollte eine moderne Rezension ansetzen? Dass es sich bei diesem Film um einen Klassiker handelt, auch wenn er "nur" rund zehn Jahre alt ist, darüber braucht man nicht lange zu diskutieren. "Das Schweigen der Lämmer" hat das Kino der 90er Jahre nachhaltig beeinflusst, sowohl was Inhalt als auch visuelle Gestaltungskonzepte angeht. Die 90er sind zu einem Jahrzehnt der Psychothriller geworden, das neben jeder Menge Schund auch weitere Kleinode wie beispielsweise "Sieben" oder "Knight Moves" hervorbrachte und welches vor allem durchgedrehten Serienmördern eine besondere Aufmerksamkeit schenkte. Auch der düstere, in ausgewaschenen erdfarbenen Tönen gehaltene Look des Films sollte stilbildend für das Erscheinungsbild von Filmen in den kommenden Jahren wirken.

Also erneut: Wie nähert man sich dem "Schweigen der Lämmer"? Ein interessanter Aspekt scheint die Frage zu sein, wo die tieferen Gründe für den Erfolg des Filmes liegen. Was machte die Geschichte von dem jungen FBI-Akademiemitglied Clarice Starling (Jodie Foster), die mit Hilfe des brillanten Soziopathen Dr. Hannibal Lecter Jagd auf einen Serienmörder macht, so erfolgreich? Denn auf den ersten Blick erscheint der Erfolg dieses Psychothrillers wenig einsichtig: Dafür, dass es hier angeblich um die abscheulichen Morde des "Buffalo Bill" (Ted Levine) geht, der Frauen entführt und ihnen die Haut abzieht um sich daraus ein Gewand zu schneidern, beschäftigt sich der Film eigentlich nur sehr halbherzig mit den Taten des durchgeknallten Serienmörders. Sicher, die für damalige Verhältnisse hochgradig ekelhafte Autopsieszene eines der Opfer wird lange im Gedächtnis bleiben und wir bekommen auch zu sehen, wie der Täter die gefangenen Mädchen behandelt.

Letzten Endes ist aber ganz klar: "Buffalo Bill" ist eigentlich nur Mittel zum Zweck - wenn man mal vom spektakulär arrangierten Showdown absieht. Im Mittelpunkt des Films steht eine gänzlich andere Konfrontation, nämlich die zwischen Lecter und Starling. Die Intensität, mit der Lecter die Psyche Starlings seziert im Austausch für Informationen über den Täter, ist auch zehn Jahre nach Erscheinen des Films ungebrochen. Die schauspielerische Leistung von Anthony Hopkins und Jodie Foster ebenfalls. Und genau hier liegt das Rezept des Erfolges: "Das Schweigen der Lämmer" ist ein so erfolgreicher Thriller, weil er sich klassischen Thrillerkonzepten verweigert. Der Film interessiert sich nicht für "Wer ist der Täter?" Spielchen, auch die ansonsten so häufige Suche nach dem Motiv des Täters spielt nur eine äußerst untergeordnete Rolle - und das obwohl Clarice Starling ein Profiler werden soll.

"Das Schweigen der Lämmer" macht zwar nicht alles, aber vieles anders: Anstatt den Motiven des Täters widmet sich der Film ausführlich den Motiven der Ermittlerin. Die nervenzerfetzenden Dialoge zwischen Lecter und Starling dienen unter anderem dazu, zu ergründen, warum Clarice das tut, was sie tut. Die Spannung dieser äußerst reduziert gefilmten Szenen wird verstärkt durch die intelligent angelegten Brüche in Lecters Charakter. Dem Zuschauer ist zwar stets bewusst, dass Lecter ein brutaler Serienmörder ist, der seine Opfer verspeist, aber gleichzeitig präsentiert uns Hopkins diesen Mann als intelligenten Gentleman. Selbst in der Szene, in der er mit einem Schlagstock einen Polizisten zu Tode prügelt, wirkt Lecter geradezu zurückhaltend - kein wildes Augenrollen, kein Sabbern: Hier ist ein mörderischer Schöngeist am Werk. Gerade aus diesem Zwiespalt entspringt der subtile Horror in "Das Schweigen der Lämmer".

Hinzu kommen noch die intelligent eingesetzten Märchenelemente. Spätestens wenn Clarice Starling in den Keller von "Buffalo Bill" hinabsteigt, wird die reale Welt verlassen. Das düstere Schattenreich des Massenmörders hat deutlich surreale Züge. Dabei ist die Verdrehung der Geschlechterverhältnisse interessant: Der Prinz (Starling) ist angetreten, um die böse Hexe (Gumb) zu töten, die die Prinzessin gefangen hält. Die Prinzessin (Senatorentochter Catherin Martin, gespielt von Brooke Smith) ist zwar weiterhin eine Frau, dafür ist sie - auch eine interessante Spiegelung - statt des Frosches in einem Brunnen gefangen. Dieses Spiel mit Märchenmotiven verleiht dem Film eine ganz eigentümliches Gefühl der Unwirklichkeit.

Und dennoch: Auch der Klassiker "Das Schweigen der Lämmer" ist nicht vor Mängeln gefeit: So ausgefeilt Hannibal Lecter portraitiert wird, so zweidimensional geriet die Figur des Jame Gumb. Fast hat man das Gefühl, das quasi als Ausgleich für die unkonventionelle Darstellung von Lecter alle Klischees über wahnsinnige Serienmörder auf Gumbs Figur abgeladen wurden. Er hat (zumindest im englischen Orginal) eine Art Sprachfehler, er rastet sofort aus, wenn etwas nicht nach seinen Wünschen geht und er erscheint dermaßen offensichtlich durchgeknallt, dass er in der Szene, in der er das erste Mal auf Starling trifft auch gleich ein Schild hochhalten könnte, auf dem "Hallo, ich bin ein Psychopath" steht. Hinzu kommt noch, das Ted Levine an einigen Stellen durch krasses Overacting auffällt. Auch viele andere Charaktere sind reine Abziehbildchen, egal ob es nun der schmierige Irrenhausarzt Dr. Frederick Chilton (Anthony Heald) oder der väterliche Vorgesetzte Jack Crawford (Scott Glen) ist. Dieser Bruch hinterlässt vor allem vor dem Hintergrund der ausgefeilten Charaktere von Clarice Starling und Hannibal Lecter einen etwas faden Nachgeschmack. Den Erfolg von "Das Schweigen der Lämmer" und seinen Einfluss auf die Thriller in den 90ern berührt diese Kritik zwar nicht. Man sollte sich aber davor hüten, den Film allzuweit in den Himmel zu loben.

Daniel Möltner
 
 
 
Darsteller:
Jodie Foster- Clarice Starling
Anthony Hopkins - Dr. Hannibal Lecter
Scott Glenn - Jack Crawford
Ted Levine - Jame Gumb
Anthoy Heald - Dr. Frederick Chilton

Regie:
Jonathan Demme

Drehbuch:
Ted Tally, nach dem Roman von Richar Harris

Musik:
Howard Shore

 

DVD Inhalt

"Das Schweigen der Lämmer" ist als 2 DVD MGM Special Edition erschienen. Die erste DVD umfasst den Film auf Deutsch, Englisch und Spanisch mit Untertiteln in den drei Sprachen (auf Deutsch mit einer zusätzlichen Untertitelspur für Hörgeschädigte). Die Bildqualität ist sehr gelungen, ein schwaches Hintergrundrauschen in einigen Szenen stört kaum. Der Ton wurde neu auf Dolby Digital 5.1. abgemischt, was vor allem dem gelungenen Soundtrack und den Hintergrundgeräuschen zugute kommt. Die zweite DVD ist den Extras gewidmet. Besonders hervorzuheben ist die neugedrehte einstündige Dokumentation "Inside the Labyrinth", die sämtliche Aspekte des Films umfassend abdeckt. Leider gibt es nur Archivstatements von Jodie Foster, das tut der Qualität der Dokumentation aber keinen Abbruch. Nett sind auch die Outtakes vom Dreh, die umfangreiche Sammlung von nichtverwendeten Szenen ist hingegen bis auf wenige Ausnahmen nur wenig erhellend. Das 2 DVD Set kommt im Digipack in einem edlen Pappschuber und umfasst zusätzlich ein achtseitiges Booklet. Netter Gag: Auf der DVD befindet sich auch noch ein Spruch für den Anrufbeantworter von Anthony Hopkins.

Featureliste:

  • "Inside the Labyrinth" Dokumentation über das Schweigen der Lämmer
  • Original Featurette
  • 21 nicht veröffentlichte Szenen
  • Outtakes
  • Original Kino- und Fernsehtrailer
  • Hannibal-Trailer
  • Diverse Galerien
  • Anrufbeantworterspruch von Anthony Hopkins