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Wie nähert man
sich einem Filmklassiker? Eine Frage, die sich Rezensenten in der Tagespresse
nur sehr selten stellt. In unserem Falle also: Wie nähert man sich
dem "Schweigen der Lämmer"? Wo sollte eine moderne Rezension
ansetzen? Dass es sich bei diesem Film um einen Klassiker handelt, auch
wenn er "nur" rund zehn Jahre alt ist, darüber braucht
man nicht lange zu diskutieren. "Das Schweigen der Lämmer"
hat das Kino der 90er Jahre nachhaltig beeinflusst, sowohl was Inhalt
als auch visuelle Gestaltungskonzepte angeht. Die 90er sind zu einem Jahrzehnt
der Psychothriller geworden, das neben jeder Menge Schund auch weitere
Kleinode wie beispielsweise "Sieben" oder "Knight Moves"
hervorbrachte und welches vor allem durchgedrehten Serienmördern
eine besondere Aufmerksamkeit schenkte. Auch der düstere, in ausgewaschenen
erdfarbenen Tönen gehaltene Look des Films sollte stilbildend für
das Erscheinungsbild von Filmen in den kommenden Jahren wirken.
Also erneut: Wie nähert
man sich dem "Schweigen der Lämmer"? Ein interessanter
Aspekt scheint die Frage zu sein, wo die tieferen Gründe für
den Erfolg des Filmes liegen. Was machte die Geschichte von dem jungen
FBI-Akademiemitglied Clarice Starling (Jodie Foster), die mit Hilfe des
brillanten Soziopathen Dr. Hannibal Lecter Jagd auf einen Serienmörder
macht, so erfolgreich? Denn auf den ersten Blick erscheint der Erfolg
dieses Psychothrillers wenig einsichtig: Dafür, dass es hier angeblich
um die abscheulichen Morde des "Buffalo Bill" (Ted Levine) geht,
der Frauen entführt und ihnen die Haut abzieht um sich daraus ein
Gewand zu schneidern, beschäftigt sich der Film eigentlich nur sehr
halbherzig mit den Taten des durchgeknallten Serienmörders. Sicher,
die für damalige Verhältnisse hochgradig ekelhafte Autopsieszene
eines der Opfer wird lange im Gedächtnis bleiben und wir bekommen
auch zu sehen, wie der Täter die gefangenen Mädchen behandelt.
Letzten Endes ist
aber ganz klar: "Buffalo Bill" ist eigentlich nur Mittel zum
Zweck - wenn man mal vom spektakulär arrangierten Showdown absieht.
Im Mittelpunkt des Films steht eine gänzlich andere Konfrontation,
nämlich die zwischen Lecter und Starling. Die Intensität, mit
der Lecter die Psyche Starlings seziert im Austausch für Informationen
über den Täter, ist auch zehn Jahre nach Erscheinen des Films
ungebrochen. Die schauspielerische Leistung von Anthony Hopkins und Jodie
Foster ebenfalls. Und genau hier liegt das Rezept des Erfolges: "Das
Schweigen der Lämmer" ist ein so erfolgreicher Thriller, weil
er sich klassischen Thrillerkonzepten verweigert. Der Film interessiert
sich nicht für "Wer ist der Täter?" Spielchen, auch
die ansonsten so häufige Suche nach dem Motiv des Täters spielt
nur eine äußerst untergeordnete Rolle - und das obwohl Clarice
Starling ein Profiler werden soll.
"Das Schweigen
der Lämmer" macht zwar nicht alles, aber vieles anders: Anstatt
den Motiven des Täters widmet sich der Film ausführlich den
Motiven der Ermittlerin. Die nervenzerfetzenden Dialoge zwischen Lecter
und Starling dienen unter anderem dazu, zu ergründen, warum Clarice
das tut, was sie tut. Die Spannung dieser äußerst reduziert
gefilmten Szenen wird verstärkt durch die intelligent angelegten
Brüche in Lecters Charakter. Dem Zuschauer ist zwar stets bewusst,
dass Lecter ein brutaler Serienmörder ist, der seine Opfer verspeist,
aber gleichzeitig präsentiert uns Hopkins diesen Mann als intelligenten
Gentleman. Selbst in der Szene, in der er mit einem Schlagstock einen
Polizisten zu Tode prügelt, wirkt Lecter geradezu zurückhaltend
- kein wildes Augenrollen, kein Sabbern: Hier ist ein mörderischer
Schöngeist am Werk. Gerade aus diesem Zwiespalt entspringt der subtile
Horror in "Das Schweigen der Lämmer".
Hinzu kommen noch
die intelligent eingesetzten Märchenelemente. Spätestens wenn
Clarice Starling in den Keller von "Buffalo Bill" hinabsteigt,
wird die reale Welt verlassen. Das düstere Schattenreich des Massenmörders
hat deutlich surreale Züge. Dabei ist die Verdrehung der Geschlechterverhältnisse
interessant: Der Prinz (Starling) ist angetreten, um die böse Hexe
(Gumb) zu töten, die die Prinzessin gefangen hält. Die Prinzessin
(Senatorentochter Catherin Martin, gespielt von Brooke Smith) ist zwar
weiterhin eine Frau, dafür ist sie - auch eine interessante Spiegelung
- statt des Frosches in einem Brunnen gefangen. Dieses Spiel mit Märchenmotiven
verleiht dem Film eine ganz eigentümliches Gefühl der Unwirklichkeit.
Und dennoch: Auch
der Klassiker "Das Schweigen der Lämmer" ist nicht vor
Mängeln gefeit: So ausgefeilt Hannibal Lecter portraitiert wird,
so zweidimensional geriet die Figur des Jame Gumb. Fast hat man das Gefühl,
das quasi als Ausgleich für die unkonventionelle Darstellung von
Lecter alle Klischees über wahnsinnige Serienmörder auf Gumbs
Figur abgeladen wurden. Er hat (zumindest im englischen Orginal) eine
Art Sprachfehler, er rastet sofort aus, wenn etwas nicht nach seinen Wünschen
geht und er erscheint dermaßen offensichtlich durchgeknallt, dass
er in der Szene, in der er das erste Mal auf Starling trifft auch gleich
ein Schild hochhalten könnte, auf dem "Hallo, ich bin ein Psychopath"
steht. Hinzu kommt noch, das Ted Levine an einigen Stellen durch krasses
Overacting auffällt. Auch viele andere Charaktere sind reine Abziehbildchen,
egal ob es nun der schmierige Irrenhausarzt Dr. Frederick Chilton (Anthony
Heald) oder der väterliche Vorgesetzte Jack Crawford (Scott Glen)
ist. Dieser Bruch hinterlässt vor allem vor dem Hintergrund der ausgefeilten
Charaktere von Clarice Starling und Hannibal Lecter einen etwas faden
Nachgeschmack. Den Erfolg von "Das Schweigen der Lämmer"
und seinen Einfluss auf die Thriller in den 90ern berührt diese Kritik
zwar nicht. Man sollte sich aber davor hüten, den Film allzuweit
in den Himmel zu loben.
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