Spider-Man
Originaltitel: Spider-Man
USA, 2002, 121 min, FSK 12
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NOTE: 2
Es gibt Filmprojekte, die schmoren derart lange in der Produktionshölle Hollywoods, dass man kaum glauben mag, dass sie dann tatsächlich doch noch erscheinen. "Spider-Man" gehört zu diesen Filmen. Jahrelang geisterte das Projekt durch die Fachpresse, Regisseure und Schauspieler wurden genannt und wieder verworfen. Eine Weile schien es, dass "Spider-Man" das nächste Filmprojekt von James Cameron nach "Titanic" werden würde, ein Drehbuch war schon fertiggestellt, doch dann wurde wieder nichts aus den ambitionierten Plänen.

Dorch irgendwann ging plötzlich alles relativ schnell: Columbia Tristar gab bekannt, dass Sam Raimi (Tanz der Teufel / The Gift) die Regie übernehmen würde und auch ein geeigneter Peter Parker fand sich relativ bald: Tobey Maguire. Die Wahl von Sam Raimi wurde von vielen Fans von "Spider-Man" mit großem Applaus begrüßt. Immerhin hatte der Regisseur mit "Darkman" Anfang der 90er Jahre bereits eine sehr gelungene Comicadaption abgeliefert. Außerdem gibt es wohl wenige Regisseure, die einen derart comicgerechten Inszenierungsstil beherrschen: Wer einmal die rasanten Shootouts in "Schneller als der Tod" oder die vollkommen überdrehten Slapstickkämpfe in "Armee der Finsternis" gesehen hat, der weiß, was gemeint ist. Doch würde Sam Raimi einen passenden Weg finden, die zusammen mit Superman und Batman wohl beliebteste Comicfigur Amerikas überzeugend auf die Leinwand zu bringen?

Im Gegensatz zu vielen anderen Comicverfilmungen bekommen wir in "Spider-Man" keinen fertigen Superhelden präsentiert, sondern erleben vielmehr die Genese eines solchen. Peter Parker (Tobey Maguire) ist eigentlich das, was man als klassischen "Nerd" bezeichnen würde. Er ist etwas linkisch, ein echter Hänfling und eigentlich nur der Punchingball für die anderen Jungs in seiner Schule. Zu allem Überfluss ist er auch noch ein heißer Anwärter auf den Titel "Schüchternster Mensch dieses Planeten". Seit Peter denken kann, ist er in die Nachbarstochter Mary Jane Watson (Kirsten Dunst) verliebt. Doch sobald er ihr nur gegenübertritt, fällt es ihm schon schwer, nur einen sinnvollen Satz herauszubringen.

Während eines Schulausfluges in ein Laboratorium, bei dem er von seinem einzigen Freund, Harry Osborn (James Franco), begleitet wird, geschieht etwas seltsames: Peter Parker wird von einer genetisch manipulierten Spinne (in den Originalcomics war sie noch radioaktiv behandelt) gebissen. Schnell fühlt sich Peter unwohl und zu Hause fällt er fast ohnmächtig ins Bett. Am nächsten Morgen stellt er einige seltsame Veränderungen an sich fest: Er braucht keine Brille mehr, und er ist wesentlich muskulöser geworden. Schon bald soll Peter erfahren, dass dies nicht die einzigen Veränderungen sind, die mit ihm vorgehen. So begleiten wir Peter Parker, wie er seine neuen Fähigkeiten entdeckt und sich langsam in einen Superhelden verwandelt, der auch schon bald gegen seinen ersten mächtigen Gegner, den grünen Kobold, antreten muss. Und da ist ja auch noch Mary Jane Watson...

Fans von "Spider-Man" verehren den Comic vor allem deshalb, weil Peter Parker wohl einer der "menschlichsten" Superhelden überhaupt ist. Trotz seiner Fähigkeiten bekommt er sein "bürgerliches" Leben überhaupt nicht auf die Reihe, im Gegensatz zu Clark Kent ist die "Nerd"-Attitüde bei ihm nicht nur einfach Tarnung. So bleibt Peter Parker dann trotz seiner Fähigkeiten ein Mensch wie Du und ich. Genau diesen sympathischen Zug konnte Sam Raimi perfekt auf die Leinwand transferieren. Mit Tobey Maguire hat sich da aber auch die optimale Besetzung gefunden. Mit seiner etwas linkischen Art spielt er sich innerhalb weniger Minuten in das Herz des Zuschauers.

Es erweist sich auch als sehr kluge Entscheidung, den Zuschauer in "Spider-Man", der sich ganz eindeutig als Eröffnungsfilm für eine Serie versteht, langsam die Entstehung eines Superhelden mitverfolgen zu lassen. Dieser Ansatz ist wesentlich spannender, als einfach nur den zehntausendsten Kampf Gut gegen Böse zu inszenieren. Und so ist es dann auch konsequenterweise die Handlung, die den Film trägt und nicht die zugegebenerweise brillant choreographierten Actionsequenzen. "Spider-Man" ist auch ein netter Film für alle Freunde von Streifen von Sam Raimi. Dem Regisseur gelang es einmal mehr, sowohl seinem Lieblingsschauspieler Bruce Campbell als auch seinem Bruder Ted Raimi eine kleine Rolle zu verschaffen. Auch sein "Hauskomponist" Danny Elfman ist wieder mit von der Partie und liefert einen äußerst gelungenen Soundtrack.

Ganz ohne Makel ist "Spider-Man" jedoch nicht. Zum einen wird in der Story doch manchmal das Pathos ein bisschen dick aufgetragen. Willem Dafoe fällt außerdem einmal mehr durch krasses Overacting auf, allerdings macht das glücklicherweise bei seiner ohnehin stark überzeichneten Schurkenfigur nicht besonders viel aus. Etwas durchwachsen sind bisweilen auch die Tricksequenzen. Mit Sicherheit ist es rasant inszeniert, wie sich Spider-Man durch die Häuserschluchten von New York hangelt, jedoch bleibt halt stets sichtbar, wann sich nicht mehr Tobey Maguire in dem rot-blauen Kostüm befindet, sondern Kollege Computer im wahrsten Sinne des Wortes "die Fäden in der Hand hat". Dennoch: Ein rundum gelungener Popcornfilm, der in der Startwoche völlig zurecht George Lucas "Star Wars - Episode 2" an den amerikanischen Kinokassen geschlagen hat, weil er einfach deutlich mehr Substanz und die interessantere Story bietet. 

Daniel Möltner

 
 
 
 

Darsteller:
Tobey Maguire - Peter Parker / Spiderman
Kirsten Dunst - Mary Jane Watson
Willem Dafoe - Norman Osborn / Der grüne Kobold
James Franco - Harry Osborn
Cliff Robertson - Onkel Ben
Rosemary Harris - Tante May


Regie:
Sam Raimi

Drehbuch:
David Koepp

Nach den Marvel Comics von Stan Lee und Steve Ditko

Musik:
Danny Elfman